„Die meisten wären überrascht, wenn sie nach China reisen“

Von:

Theresa Stewart

Veröffentlicht:
20.12.2021

Wolfgang Hirn ist Journalist, Autor – und China Experte. Seit 1986 reiste er bis zum Ausbruch der Pandemie regelmäßig nach China und erlebte die Weiterentwicklung des Landes hautnah mit. Mittlerweile ist sein viertes Buch über die Entwicklungen im Reich der Mitte erschienen, in seinem Newsletter berichtet er regelmäßig über die neuesten politischen Entwicklungen – sein Wunsch ist es aufzuklären und zuberichten, was in China passiert und warum es passiert. Wir haben Herrn Hirn einige Fragen über seine Faszination für China, seine Perspektiven auf aktuelle Herausforderungen sowie seine Wünsche für die Zukunft von Deutschland und China gestellt.

Wolfgang Hirn ist Journalist, Autor – und China Experte.

Herr Hirn, Sie sind bekannt als China-Experte, haben bereits zahlreiche Bücher über die Entwicklungen in China und deren Hintergründe geschrieben, informieren zahlreiche Menschen über Ihren Newsletter CHINAHIRN und reisten bereits 1986 zum ersten Mal in das Land. Was fasziniert Sie so sehr an China?

Die Faszination begann schon bei meiner ersten China-Reise. Alles war anders, die Schrift, die Sprache, das Aussehen, das Essen und vieles mehr. Mir wurde damals klar, wie wenig ich über dieses Land und diese Kultur wusste. Deshalb wollte ich immer mehr und noch mehr wissen. So bin ich immer tiefer reingeraten. Zudem hatte ich das Glück, dass ich den Aufstieg Chinas mit meinen eigenen Augen verfolgen konnte. Das, was in den vergangenen 35 Jahren in China passierte, ist Weltgeschichte live. Dass ich als Beobachter dieser Entwicklung dabei sein durfte, betrachte ich als großes Privileg.

Shanghai um die Jahrtausendwende ist nicht mehr mit dem jetzigen Stadtbild zu vergleichen. 
Einkaufsstraßen, wie man sie heute in Shanghai erlebt.

Auf Ihrer Webseite lassen Sie es selbst bereits anklingen: Viele Menschen, ob in Deutschland oder in den USA, haben einen gewissen Respekt vor China und entwickeln eher ein Konkurrenzgefühl statt Neugierde. Was meinen Sie, woher das kommt?

Bis vor wenigen Jahren hat man China im Westen nicht ernst genommen. Man spottete über deren billigen Produkte von minderer Qualität. Motto: Die können doch nur abkupfern. In einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz hat man deshalb die Entwicklung Chinas zu einer immer bedeutender werdenden Technologiemacht nicht realisiert. Jetzt dämmert es vielen so langsam. Vor allem die USA haben inzwischen kapiert, dass China ihr großer Rivale ist, den es mit allen Mitteln einzudämmen gilt. Die Europäer sollen nach Wunsch der USA an diesem neuen Kalten Krieg mitmachen, was ich für einen Fehler halte.

Die Skepsis gegenüber China ist laut einer Statista-Umfrage des Pew Research Centers in vielen  Industrieländern besonders hoch.

Wenn man ein Land kennenlernen möchte, sollte man es ja bekanntermaßen bereisen. Aktuell gestaltet es sich mit Auslandsreisen aber leider schwieriger – glauben Sie, dass es trotzdem möglich ist, China und seine Kultur und Leute kennen- und verstehen zu lernen, auch ohne das Land live zu besuchen? Was empfehlen Sie hier?

Vor Ende nächsten Jahres werden wohl keine Reisen nach China möglich sein. So bleiben nur zwei Möglichkeiten, China aus der Ferne kennenzulernen. Erstens, mit Leuten hierzulande reden – ob Chinesen oder Deutsche, ob Wissenschaftler oder Kulturschaffende, ob  in Webinaren oder persönlichen Gesprächen – und zweitens viel lesen. Die Möglichkeiten, sich über China zu informieren, haben ja in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Vieles davon ist im Internet frei verfügbar.


Was ist ein häufiges Vorurteil der Deutschen gegenüber China, dem Sie regelmäßig begegnen – und was antworten Sie darauf?

Vor allem die Deutschen, die noch nie in China waren (und das ist nun mal die große Mehrheit), haben ein schiefes Bild von China. Viele denken, dass China eine große Sowjetunion sei, in der die Menschen alltäglich drangsaliert und unterdrückt werden. Dem ist aber nicht so. Meinungsumfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Chinesen mit diesem System zufrieden ist, das immerhin in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte von Millionen Menschen aus der Armut befreit hat. Ich kann nur empfehlen, nach China zu fahren. Ich wette, dass die meisten Menschen mit staunenden Augen zurückkommen und sagen: So hatte ich mir China nicht vorgestellt!

VieleMenschen kehren überrascht von ihren gesammelten Eindrücken aus China zurück,weiß Wolfgang Hirn - z.B. von der Innovationskraft des Landes durch alltäglicheHelfer, wie auf diesem Bild: autonomfahrende Straßenreinigungsfahrzeuge.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in Bezug auf die Zusammenarbeit von Deutschland mit China?

Wir haben ja gerade eine neue Regierung bekommen, die offenbar eine neue China-Politik anstrebt. Dabei sehe ich Konflikte vor allem zwischen den Grünen, die eine werteorientierte Außenpolitik wollen, und der SPD, die an dem dialogorientierten Ansatz von Angela Merkel mehr oder weniger festhalten will. Ich bin ein Anhänger des letztgenannten Ansatzes. Deutschland und China müssen miteinander reden und kooperieren, vor allem in der Wirtschaft, aber auch in der Wissenschaft.


Vielen Dank, Herr Hirn, für Ihre Eindrücke.

Haben Sie Fragen zu China und einer möglichen Kommunikationsstrategie vor Ort? Kontaktieren Sie uns gerne – unsere billingualen Expertinnen und Experten beraten Sie gerne zu Ihren individuellen Fragestellungen.

SPRECHEN SIE UNS AN

Wenn Sie oder Ihr Team mehr über das Thema lernen möchten, dann sprechen Sie uns gerne an.

Theresa Stewart

Director China
t.stewart@storymaker.de

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