Hangzhou ist die Hauptstadt der chinesischen Provinz Zhejiang – und Hauptsitz von Alibaba. Wie lebt man in einer Stadt, in der neue digitale Entwicklungen sofort auf der Straße erlebbar werden?

Karina ist unsere neue Praktikantin im Storymaker China Team. Nach einem Jahr Auslandsstudium in Hangzhou ist sie zu uns nach Tübingen gekommen – ein Kulturschock.

„Vergiss Bargeld, nimm dein Handy!“

Diesen Satz habe ich in meinen ersten Wochen in Hangzhou ständig gehört und ihn schnell verinnerlicht. Mit dem Handy hatte ich alles dabei – mein Geld, Kontakt zu Freunden, abgespeicherte IDs, Tickets, Fahrkarten, Kundenkarten, einen Lieferservice für Essen, Portale zum Shoppen, Buchen von Reisen und verschiedenen Veranstaltungen sowie Spieleprogramme, falls man mal wieder in einem Didi (chinesisches Uber) im Stau stecken blieb. „Wurde das Handy da nicht zu einem undurchschaubaren Dschungel an Apps, ständig am Rande der Speicherkapazität“, fragen mich meine Freunde in Deutschland. Nein! Denn um meinen Tagesablauf zu managen, habe ich genau zwei Apps benutzt: WeChat und Alipay. Und um den Handyakku musste man sich auch keinerlei Sorgen machen, denn es gibt so gut wie überall mobile Aufladestationen sowie Powerbanks zur Miete für kleines Geld.

Ein Ausflug mit Didi Screenshot aus der App

Didi Chuxing ist übrigens eine günstige und praktische Alternative zum Bus, Metro oder Elektroroller. Didi gehört zur Alibaba Group und lässt sich als Tool in der Alipay App öffnen. Man legt sein Ziel fest und durch die Standortfreigabe der App weiß der Fahrer, wo man ist. Man bekommt sogar vor Buchung der Fahrt einen groben Kostenvorschlag und eine Angabe, wie lange die Fahrt zurzeit dauert. Auf der Karte sieht man, wie weit der Fahrer entfernt ist und kann diesen anrufen oder eine Nachricht schicken. Nach Beendigung der Fahrt wird das Geld automatisch vom Alipay Konto abgezogen und an den Fahrer übermittelt. Hinterher kann man den Fahrer noch bewerten. Das Beste daran: Tagsüber sind Didis sogar etwas günstiger als Taxis. Die Autos sind schicker und oftmals mit Bluetooth ausgestattet, sodass man – sofern der Fahrer mitmacht – sein Handy mit dem Lautsprecher im Auto verbinden und seine eigene Musik auf der Fahrt hören kann.

„Die Klausureingrenzung habe ich euch auf WeChat geschickt!“

Verwirrt schauten wir neuen Austauschstudenten uns an, während unsere Kommilitonen völlig selbstverständlich ihre Handys herausholten und nickten. Auf einmal brummte mein Handy und als ich draufschaute, sah ich, dass ich zur Kursgruppe hinzugefügt worden war. Unser Dozent hatte seine Präsentation, relevante Seiten aus Lektüren und die besagte Klausureingrenzung als eine PDF Datei zusammengefasst und in einem Gruppenchat mit seinen Studierenden geteilt. Unsere Kommilitonen bedankten sich und bestätigten den Erhalt mit aus unserer Sicht eher unangebrachten GIFs im Chat. An der Uni lief alles über WeChat: Kommunikation, Bekanntgaben und Veröffentlichungen von Materialien. Was sich zunächst unpassend angefühlt hatte, stellte sich als gang und gäbe und, wenn man mal ehrlich ist, viel praktischer als bei uns heraus. Die Uni hat einen offiziellen WeChat Account, den alle Studierenden bei Registrierung abonnieren müssen. In diesem veröffentlicht die Uni Pflichtveranstaltungen und News. Während in Deutschland an der Uni Online Kommunikation auf hohem Niveau abläuft, mit Do‘s und Don’ts und unter strenger Beachtung von Hierarchie und Höflichkeit, schreibt man als Student in Hangzhou dem Dozenten locker auf WeChat und kriegt ab und zu ein lustiges GIF von diesem geschickt. Solche Art von Kommunikation hat in China nichts mit Respektlosigkeit oder unangebrachtem Verhalten zu tun, es ist einfach eine Sache der Praktikabilität. Und deshalb wird es auch im Unialltag oder Arbeitsleben so gehandhabt. So gut wie jeder Laden (oder eben die Uni) besitzt einen Official Account, über den Push-Benachrichtigungen an die Abonnenten verschickt werden können. So wusste man als Student in Hangzhou immer, wenn es bei der Lieblingsmodemarke oder dem Lieblingsnudelladen Angebote gab, die man sich, zusammen mit extra Rabatten von der hinterlegten Kundenkarte, schnappen konnte. Bezahlt hat man dann mit WeChat Pay, eine weitere mobile Bezahlfunktion.

Original WeChat Account der Universitaet ZUST

„Morgen regnet’s, ich bestell‘ mir noch kurz ‘ne Jacke auf Taobao!“

Wenn man in Deutschland etwas im Internet bestellen möchte, ist „kurz“ meist schon mal etwas, das man ausschließen kann. In China ist das Gegenteil angesagt. Ehe man sich‘s versieht ist man schon „Taobao-Shoppaholic“. Das Angebot ist riesig, die Produkte meist gut, das Preisleistungsverhältnis stimmt, die Bezahlung verläuft dank Verknüpfung mit Alipay automatisch und das Wichtigste in China: Es geht rasend schnell! Normalerweise kann man damit rechnen, dass die Bestellung am nächsten Tag ankommt. Taobao gehört zur Alibaba Group und wenn man etwas bestellt hat, kann man in der App selbst oder über Alipay live verfolgen, wo das Paket aktuell ist. Sobald das Paket angekommen ist, zeigt eine detailgenaue Karte in der App den Standort der Packstation inkl. Abholnummer, die man einfach vorzeigen muss – sehr ausländerfreundlich!

Der Weg meiner ersten Bestellung auf Taobao.

Der Weg meiner ersten Bestellung auf Taobao.

„Hast du dein Handy gerade da? Ich hab‘ Hunger!“

Ein weiterer Standard in China: Essen bestellen, das Programm dafür heißt ele.me (chinesisch: 饿了么, deutsch: Auf was hast du Hunger?). Die Wohnheimküche war ehrlichgesagt nicht der gemütlichste und sauberste Ort auf dem Gelände, Essen bestellen in China ist noch dazu nicht teuer und so war auch bei ersten Hungergefühlen der Griff zum Handy schnell routiniert. Auch el.me ist mit Alipay verknüpft und zieht ganz automatisch die Kosten ab. In einer Stadt wie Hangzhou bietet ele.me wirklich alles, worauf man Appetit haben könnte. Es ist normal, dass jedes Restaurant einen Lieferanten hat und ausliefern lässt. Die hektischen Fahrer schreien bei Ankunft dann durchs Handy, wenn sie vor der Tür stehen – charmant!

Eine riesen Auswahl! Auf el.me findet jeder etwas.

„Der Kulturschock bei der Rückkehr ist größer als der bei Ankunft im fremden Land!“

Zurück in Deutschland läuft das Leben schon kurz nach dem Aufstehen anders. Statt an einen Straßenstand zu gehen, mache ich mir hier selbst Frühstück. Ich checke zwar mein Handy nach Social Media und texte meinen Freunden, fotografiere hier und da. Für mehr benutze ich es aber nicht, mein Akku hält bedeutend länger und es tut mir fast leid, dass ich sein Potential so vergeude. Wenn ich aus dem Haus gehe, schnappe ich mir nicht nur mein Handy, sondern eben auch mein großes Portemonnaie mit allen möglichen Karten, Bargeld und Personalausweis.

Von dem Luxus, jeden Tag Essen bequem in der Vorlesung oder vom Bett aus zu bestellen, musste ich in Tübingen ganz schnell wieder Abstand nehmen – zu wenig Auswahl, zu teuer. Hier regiert der Gang zum Supermarkt, in dem man dann lange ansteht, bis jeder Kunde an der Kasse sein Kleingeld zusammengesammelt bzw. überhaupt entschieden hat, wie er zahlt. Online Shopping funktioniert zwar in Deutschland, dauert aber. Man schaut doch eher, wann Busse oder Bahnen fahren, weil ein Taxi immer mit einem Anruf und Wartezeit verbunden ist und zu viel kostet. Man muss wieder einplanen, in bestimmten Situationen genug Bargeld dabei zu haben, weil man eben nicht erwarten kann, dass man überall mit Karte zahlen kann. Die Atmosphäre hier ist: langsam. Persönlicher, ja. Wer einmal in China war, weiß: Deutschland ist wunderschön, aber ein bisschen Digitalisierung von China zu lernen würde definitiv nicht schaden!