China ist dem deutschen Markt beim Social Commerce weit voraus. Auf zahlreichen Plattformen können die User direkt Käufe abwickeln – und das in nahezu allen Branchen. Studien zufolge werden bereits 30 Prozent des E-Commerce-Geschäfts über soziale Netzwerke abgewickelt. Theresa Stewart, Business Unit Director China bei Storymaker, sprach bei einem Interview im Internet World Report über den Onlineshopping-Giganten China.

Bei uns steht Social Commerce erst am Anfang. Wie weit voraus ist uns der chinesische Markt?
Wie bei der Digitalisierung und den Funktionalitäten von Social-Media-Plattformen ist uns China auch im Social Commerce weit voraus. So gut wie alle Social-Media-Plattformen in China haben die Möglichkeit, dem Kunden durch direkte Links Produkte zu empfehlen. Die Plattformen haben sich spezialisiert: Xiaohongshu für Beauty Brands, Douyin für witzige Kurzvideos, Bilibili für die jüngeren Nutzer – der E-Commerce Markt in China ist viel komplexer und weiter entwickelt als in Deutschland.

Worin besteht der größte Unterschied zur Social-Media-Landschaft in Deutschland?
Zwischen der deutschen und der chinesischen Social-Media-Landschaft bestehen viele beachtenswerte Unterschiede, doch der größte ist wahrscheinlich der kulturelle Unterschied der Nutzer. Aufgrund der unglaublich schnellen wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in China sind Chinesen Neuheiten gewohnt und lieben es, die aktuellsten Trends zu entdecken. Deutsche neigen hingegen zur Vorsicht und hinterfragen, warum sie etwas Neues ausprobieren sollen, wenn das Alte doch funktioniert. Der zweite wichtige kulturelle Unterschied liegt darin, dass Chinesen äußerst gerne Empfehlungen von Familie, Freunden und Influencern folgen. Dies ist einerseits tief in der chinesischen Kultur verankert und wurde andererseits durch Produktskandale in den vergangenen Jahren, beispielsweise den „Milchpulver-Skandal“, gefördert. Wenn Freunde etwas empfehlen, kann man davon ausgehen, dass es sicher und gut ist.

Auf Meinungen von Influencern wird in China besonders viel Wert gelegt


Auf welchen Plattformen wird Social Commerce in China überwiegend abgewickelt?

Die größten Social-Commerce-Plattformen sind Douyin, das chinesische TikTok, Xiaohongshu, Yizhibo, Bilibili und Pinduoduo. Besonders Pinduoduo ist absolut faszinierend. Diese Plattform hat ein faszinierendes Business Model, das einen hinterfragen lässt, warum bei uns noch niemand auf so was gekommen ist. Die Kernidee ist „Customer to Manufacturer“. Wenn der Einzelhandel 500 Jacken beim Hersteller kauft, bekommt er diese Jacken zu einem reduzierten Preis, um diese dann für einen wesentlich höheren Preis an den Endkunden zu verkaufen. Pinduoduo hilft dir als Kunde, 499 andere Kunden zu finden, die auch diese Jacke kaufen möchten, sodass man sich gemeinsam am reduzierten Einkaufspreis erfreuen kann.

In welchen Marktsegmenten und Branchen findet Social Commerce vorwiegend statt?
Social Commerce kann in China in fast allen Branchen und Produktkategorien gefunden werden. Pinduoduo begann zunächst interessanterweise mit Lebensmitteln und verkauft inzwischen alles. Besonders stark ist Social Commerce jedoch in Beauty Products.

Pinduoduo gilt als der Rising-Star unter den E-Commerce Plattformen

 

Welche Rolle spielen Influencer beim Verkauf von Waren über Social Media in China?
Influencer spielen beim Verkauf von Waren über Social Media in China eine essenzielle Rolle. In China unterscheidet man bei Influencern unter KOLs, Key Opinion Leaders, und KOCs, Key Opinion Consumers. Der Hauptunterschied zwischen den beiden ist, dass KOLs für ihre Empfehlungen sehr üppig bezahlt werden und KOCs üblicherweise das zu bewerbende Produkt kostenlos zugeschickt bekommen, es „consumen“ und ihre Meinung dazu posten. Influencer in Deutschland sind oft bereits berühmte Persönlichkeiten durch Film, Fernsehen oder Musik. In China hingegen sind Influencer „everyday people“, die durch ihren kreativen Content über Social Media berühmt geworden sind.

Welche Maßnahmen sind wichtig, um den Verkauf anzukurbeln?
Je nach Produkt und Brand sind neben KOL-Kampagnen auch Werbeschaltungen, Gewinnspiele, Rabatte und guter und Mehrwert bringender Content wichtig. Chinesische Konsumenten sind es inzwischen gewohnt, sämtliche Marken der Welt kaufen zu können, und die eigenen chinesischen Marken werden immer stärker und besser. Die Auswahl an Produkten ist viel größer als bei uns in Deutschland. Unternehmen müssen sowohl Zeit als auch ein großes Marketing-Budget mitbringen, um sich auf dem chinesischen Markt behaupten zu können.


Quelle: Statista

Quelle: Statista

 

Kann man in etwa beziffern, wie hoch der Anteil des E-Commerce-Geschäfts ist, der inzwischen über soziale Netzwerke abgewickelt wird?
Laut China’s Internet Society werden inzwischen 30 Prozent des E-Commerce Geschäfts über soziale Netzwerke abgewickelt.

Findet Social Commerce auch im B2B-Bereich statt?
Social Commerce über KOLs im B2B Bereich wird immer üblicher. Universitätsprofessoren, Wissenschaftler, Spezialisten und Unternehmer präsentieren sich mit ihrem Fachwissen über Social-Media-Kampagnen und verkaufen Produkte, Maschinen etc. an andere Unternehmen. Besonderer Trend hier: Live-Streaming von B2B-Messen.

Welche Trends zeichnen sich sonst noch ab?
KOCs sind kein komplett neuer Trend mehr. KOLs sind inzwischen so teuer geworden und einige Konsumenten beginnen zu bezweifeln, wie ehrlich die Meinung von manchen KOLs wirklich ist, wenn sie so großzügig für eine positive Bewertung bezahlt werden. Daher sind KOCs neuere, vertrauenswürdigere Influencer für viele Kunden.

Was denken Sie: Wird sich Social Commmerce in Deutschland ähnlich entwickeln wie in China? Oder wird das zum Beispiel durch die strengeren Datenschutzregelungen in diesem Ausmaß nicht möglich sein?
Deutschland und China haben gemeinsam, dass die Generationen Z in beiden Ländern nicht nur in der digitalen Welt zu Hause sind, sondern auch sehr viel Geld zum Ausgeben haben. In China ist die Generation Z für 13 Prozent der Haushaltsausgaben verantwortlich und verbringt fünf bis sechs Stunden täglich online. In Deutschland sind diese beiden Zahlen zwar geringer, aber das Potenzial ist gegeben. In China leben zudem 1,4 Milliarden Menschen, von denen etwa 80 Prozent auf Social-Media-Plattformen aktiv sind. In Deutschland kommen auch Infrastrukturaspekte hinzu: Wir haben immer noch riesige Flächen, die noch gar nicht vernetzt sind, geschweige denn eine vergleichbare Internetgeschwindigkeit – dort hat man in der U-Bahn und im tiefsten Bambuswald noch immer 5G. Außerdem bestellt man morgens etwas, und es wird nachmittags geliefert – so macht Onlineshopping Spaß!

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