Seit mehr als 100 Jahren findet am 8. März der internationale Weltfrauentag statt. Dieser erinnert an die Demonstrationen und Kämpfe, die Frauen bestritten haben für Grundrechte, die das männliche Geschlecht schon längst für sich beansprucht hat. Dabei ist Ende des 19. Jahrhunderts die Rede von höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen aber auch von grundlegender Gleichberechtigung sowie einem Wahlrecht für Frauen. Heute hört man immer häufiger, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau bereits „ganz normal“ sei, dass es so etwas wie einen Weltfrauentag nicht mehr brauche. Dennoch stellte das Statistische Bundesamt erst im Dezember 2020 fest, dass die sog. „Gender-Pay-Gap“ 2019 bei rund 19 Prozent gelegen habe.

Heidi Haug trieb der Wille an, unabhängig und selbstständig für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen und gründete schließlich vor 20 Jahren die Agentur Storymaker. Heute eine Agentur mit 45 Mitarbeitern, spezialisierten Teams und eigener Niederlassung in Shanghai. Wir haben bei ihr nachgefragt, was sie dazu bewegte, welche Stolpersteine sie überwinden musste und wo sie noch heute Handlungsbedarf in Punkto Gleichberechtigung für Frauen sieht.

 

Seit rund 100 Jahren kämpfen Frauen für Gleichberechtigung – und ein Ende scheint in vielen Fällen noch nicht in Sicht.

 

Heidi, Storymaker hast Du vor 20 Jahren gegründet – zuvor hast Du aber noch Arbeitserfahrung als freie Journalistin und als Angestellte in einer Redaktion gesammelt. Welche Erfahrungen hast Du während dieser Zeit gemacht – und wie entstand der Wille, etwas Eigenes aufzubauen?

Angefangen hatte ich meine berufliche Laufbahn in einer Redaktion eines Computer Magazins – das war damals die einzige Redaktion in der Branche, die nur von Frauen besetzt war. Unsere Vorgesetzten hingegen waren nur Männer, die uns viele Vorschriften machen wollten, die unsere Arbeit nicht gerade verbesserten oder erleichterten. Im Gegenteil: Sie sorgten ordentlich für Reibungen. Ich wollte es besser machen. Auch meine Interviewpartner, oftmals Informatiker, Mathematikprofessoren oder Manager, waren überwiegend männlich. Einige hatten kein Problem damit, dass sie von einer Frau zu einem technischen Thema interviewt werden, andere gaben einem das Gefühl, dass hier mit Frauen nicht auf Augenhöhe diskutiert wird. Da war nach einer gewissen Zeit für mich Schluss. Ich wollte mich nicht mehr bevormunden lassen und ich wollte, dass meine Kompetenz anerkannt wird. Das war ein Motiv für meine Entscheidung, mich zunächst selbstständig zu machen.

 

Hat es Dich viel Mut und lange Bedenkzeit gekostet, Deine eigene Agentur zu gründen? Gab es Menschen, die Dir davon abgeraten haben?

Ja klar, das ist ein großer Schritt. Sich selbstständig zu machen ist mit hohen Risiken verbunden. Zwar tritt man aus einer gewissen Abhängigkeit von einem Arbeitgeber aus, allerdings schwinden damit auch die Sicherheiten. Du bist dann ganz alleine für dich und deinen Lebensunterhalt verantwortlich. Ich denke da geht es nicht um das Geschlecht, das kostet immer Überwindung und harte Arbeit. Allerdings erlebe ich es häufiger, dass vor allem Frauen an sich selbst zweifeln. Ich persönlich hatte schon immer das Bestreben, mein eigenes Konto zu haben und mir meinen Lebensstandard selbst zu finanzieren, ganz unabhängig von einem Partner. Ich habe mich damals wahnsinnig darüber aufgeregt, als ich einen Kredit bei der Bank beantragen wollte und die Unterschrift meines Ehemanns gefordert wurde. Die Krone hat dem Ganzen damals der Brief der Bank aufgesetzt, indem ich mit „Fräulein Heidrun Haug“ angesprochen wurde – in den 80er Jahren vielleicht noch üblich, für mich inakzeptabel. Ich konnte es mir damals nicht verkneifen, einen Brief an den Geschäftsführer der Bank zu schreiben unter der Anrede „Herrlein“ – manchmal hilft es, die Geschichte umzukehren. Vieles passiert ja gar nicht bewusst sondern hat sich in den Alltag und im Zusammenleben eingeschlichen und ist zur Gewohnheit geworden.

 

Gab es Situationen, in denen Du das Gefühl hattest, Du wirst unterschätzt oder dass Dir Dein Vorhaben erschwert wird, weil Du als weibliche Geschäftsführerin agierst?

Solche Situationen sind mir glücklicherweise erspart geblieben, zumindest habe ich das nie persönlich erlebt. Allerdings ist die deutliche Mehrheit in unserer Kommunikationsbranche weiblich – dem gegenüber steht, dass nur etwa jede fünfte Führungskraft weiblich ist. Das heißt für mich, dass etwas nicht stimmt.

 

Wenn Du einen Wunsch frei hättest, der sofort erfüllt werden könnte, was würdest Du Dir für die Frauen in unserer aktuellen Welt wünschen?

Definitiv eine gleiche Bezahlung. In unserer Welt ist das der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. Außerhalb Europas ist das denke ich noch viel wichtiger – wenn Frauen mit dem gleichen Verdienst rechnen könnten wie Männer, würde einigen von ihnen so viel Leid, körperlich wie psychisch, erspart bleiben. Aber auch hierzulande habe ich die Befürchtung, dass viele Frauen entmutigt sind von der Situation und glauben, es lebe sich besser in Abhängigkeit eines Mannes. Emanzipation hängt stark mit einer ökonomischen Unabhängigkeit zusammen.

 

Häufig entscheiden sich Personalabteilungen gegen weibliche Mitstreitende um einen hochrangigen Posten aus Sorge, diese könnte schwanger werden. Somit sehen sich einige Frauen, die beides anstreben, zu einer Entscheidung gezwungen: Berufliche Verwirklichung oder Familiengründung. Daher die Frage an Dich: (Werdende) Mütter machen Karriere – geht das?

Ja, natürlich geht das – werdende Väter machen ja auch Karriere und haben in der Zwischenzeit genauso die Möglichkeit Elternzeit zu nehmen. Hier in der Agentur haben wir zahlreiche weibliche Führungskräfte wie Mitarbeiterinnen gehabt, die schwanger wurden. Das muss von den Entscheidungsträgern, wie auch der Gesellschaft, als Normalität angesehen werden. Ich betrachte das als Gewinn und freue mich für meine Mitarbeitenden – egal ob Mann oder Frau. Danach reden wir offen darüber, was das für die Zukunft und die Arbeitszeit bedeutet. Wenn ich mit jungen Bewerbenden spreche, muss ich natürlich mit einer Familiengründung innerhalb der nächsten Jahre rechnen. Aber das ist keine Überlegung, die ich bei einer potenziellen Einstellung jemals zugrunde gelegt habe und legen werde. Wir als Gesellschaft müssen uns fragen, ob wir lieber keine Kinder möchten, weil junge Menschen sich unwohl dabei fühlen und ihrer beruflichen Perspektive mehr oder weniger beraubt werden.

 

Vor allem junge Frauen haben es manchmal schwer, sich beruflich vom Fleck zu bewegen. Dabei spielt allzu oft neben ihrem Alter und der fehlenden Erfahrung auch ihr Geschlecht eine Rolle. Welchen Ratschlag willst Du jungen Frauen geben, die gerade ins Berufsleben einsteigen?

Das ist eine taffe Frage. In den letzten Jahren gab es immer wieder Anläufe, in denen es darum ging, Personalentwicklung messbar zu machen, z.B. über Punktesysteme. Es ist und bleibt sehr schwer, Leistungen gerecht zu beurteilen – dabei gibt es auch immer ein Eigenbild und ein Fremdbild, was es noch schwieriger macht, Entscheidungen verstehen zu können. Ich würde jungen Frauen raten, dieses Thema noch im Bewerbungsgespräch anzusprechen. Sie sollten deutlich machen, was sie sich erhoffen und auch offen ansprechen, dass sie einen geschlechtsneutralen Umgang am Arbeitsplatz wünschen. Es lohnt sich nachzufragen, wie mit Leistungsbewertungen und Kompetenzentwicklung umgegangen wird. Letztlich liegt die Entscheidung für oder gegen eine Einstellung ja nicht nur beim Arbeitgebenden sondern zum großen Teil beim Bewerbenden. Sobald die Tätigkeit anfängt, sollte man sich ruhig auch mal umschauen, wer soziale Bezugspersonen sein können – Thema internes Netzwerk und Mentorship. Männer haben seit jeher ihre beruflichen Netzwerke, die dem Nachwuchs helfen. Zu guter Letzt: Nie klein beigeben – offene Gespräche und eingefordertes Feedback helfen einem selbst und fördern das Verständnis für den Blick der Managementebene.

 

Danke Heidi, für Deine Einblicke.